Prävention durch Achtsamkeit

Dr. Miriam Goos ist "Stressfighter". Was das ist erklärt sie im Interview.
Dr. Miriam Goos ist “Stressfighter”. Was das ist erklärt sie im Interview.

Im Interview: Miriam Goos ist Neurologin und Gründerin einer Firma, die sich der Burnout-Prävention verschrieben hat. Nach der Promotion arbeitete sie an der Universitätsklinik Göttingen, unter anderem auch in der Notaufnahme. Dort erkannte sie die drastisch steigende Anzahl von Patientinnen und Patienten mit stressbedingten Erkrankungen. Ihr Ansatz ist, dass es erst gar nicht dazu kommen muss. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Reaktionen des Gehirns auf kontinuierlichen Stress bilden einen Kernpfeiler für das von ihr entwickelte Training.

Sie sind „Stressfighter“, das klingt martialisch, ist aber wahrscheinlich nicht so gemeint.
Dr. Miriam Goos: Die Bezeichnung soll schon deutlich machen, dass da eine Dramatik dahintersteckt. Stress greift den Körper an, Stress belastet und es ich wichtig, dagegen zu halten. In meinen Anfangsjahren als Ärztin in der Notaufnahme habe ich ja erlebt, wie heftig die körperlichen Auswirkungen von Stress sind. Schwindel, Kopfschmerzen – das waren noch die harmloseren Beschwerden. In dieser Zeit wurde mir klar, dass unsere Hilfe zu spät kam und dass Prävention der richtige Weg ist.

Sie als Ärztin können bestimmt anschaulich deutlich machen, wie gestresst ein Gehirn ist, wenn nachts die Atmung aussetzt und der Körper in den Rettungsmodus schaltet.
Dr. Miriam Goos: Am Beispiel einer Cortisolmessung im Speichel wird das deutlich. Der Körper bildet viel Cortisol, wenn er mit Stress fertig werden muss. Speichelmessungen zeigen, dass der Cortisollevel nachts normalerweise abebbt. Bei Menschen, die nachts nicht durchschlafen und hochschrecken, weil sie keine Luft mehr bekommen, schaltet der Körper auf Abwehr.  Er wappnet sich gegen eine drohende Gefahr und wird in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Es wird Adrenalin, ein kreislaufaktives Hormon ausgeschüttet. Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller und die Muskeln werden besser durchblutet. Das ist natürlich konträr zur Regeneration, die ja im Schlaf stattfinden soll.

Was raten Sie als Expertin für Stressprävention?
Dr. Miriam Goos: Achtsamkeit ist ein wichtiges Stichwort. Jeder sollte die Signale seines Körpers empfangen – und am besten nicht erst, wenn er oder sie in der Notaufnahme gelandet ist. In unseren Seminaren zielen wir darauf ab, dass ein gutes Fundament besteht, in dem Sinne, dass die physische Basis gelegt ist. Dazu zählen ausreichend Bewegung, eine gesunde Ernährung und der Sinn für die eigene Chronobiologie, also für die innere Uhr. Man weiß in der Regel, was man an welcher Tageszeit gut bewältigen kann. Im nächsten Schritt wird geschaut, wie der Alltag zu organisieren ist.

In dem man sich einen Tagesplan macht?
Dr. Miriam Goos: Es geht weniger um ein strenges Korsett. Sondern mehr darum, zu überlegen wann man welche Art Aufgaben erledigen will. Also wann nehme ich mir Zeit für organisatorische Tätigkeiten, wann ist ein gutes Zeitfenster für Strategie oder wann will ich Pausen machen… Dieser strukturelle Blick auf einen Tag ist hilfreich. Und schließlich gehört zur Stressprävention auch, dass man trainiert, mit ungeplanten Situationen umzugehen. Das ist eine mentale Fähigkeit, die man sich aneignen kann.

Zurück zum gesunden Schlaf. Was halten Sie von technischen Geräten wie Schlaf-Apps? Sind diese sinnvoll oder überflüssiger Schnickschnack?
Dr. Miriam Goos: Ich war selbst neugierig und habe die meisten selbst ausprobiert. Aus meiner Sicht reichen sie nicht aus, um wirklich die Qualität des Schlafs zu messen, dazu sind sie meist zu oberflächlich. Ich würde immer dazu raten, sorgfältige Untersuchungen durchzuführen. Zum Beispiel die Herzraten-Variabilität, bei der die Herzschlagfolge geprüft wird.  Zudem, und da bin ich wieder bei der Achtsamkeit, sollten wir uns selbst wahrnehmen und das nicht an kleine technische Helfer delegieren.