Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert

Hannah Ahlheim bietet auf 700 Seiten einen spannenden Exkurs in die Kulturgeschichte des Schlafes.
Hannah Ahlheim bietet auf 700 Seiten einen spannenden Exkurs in die Kulturgeschichte des Schlafes.

Hannah Ahlheim ist Historikerin. Sie interessiert sich für Daten und Fakten, aber auch für soziale Strukturen und anthropologische Grundfragen. Schon lange forscht die Göttinger Wissenschaftlerin zum Thema Schlaf. Auf knapp 700 Seiten hat sie nun mit „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit.“ ihre lesenswerte Habilitationsschrift vorgelegt. Ihre Kulturgeschichte des Schlafes beleuchtet auch für Laien verständliche Details rund um das Thema Schlaf.

Eine Kulturgeschichte des Schlafes

Einhundert Jahre Schlafgeschichte zwischen 1880 und 1980 in den USA und in Deutschland stehen im Fokus des Buches von Hannah Ahlheim. Die Lektüre bietet mehr als ein reines Historiengemälde von Schlafgewohnheiten und Schlaftheorien. Die Historikerin beleuchtet die Kultur des Schlafes, führt durch die Geschichte seines gesellschaftlichen Wandels und wirft ein Schlaglicht auf ökonomische und militärische Interessen. Schön bebildert und mit vielen Anmerkungen und Zitaten versehen, verlangt das Buch konzentrierte Leserinnen und Leser, allerdings gelingt es der Autorin gut, das wissenschaftliche Thema allgemeinverständlich darzulegen. Auf den knapp 700 Seiten bleibt so gut wie keine Frage rund um den Schlaf unbeantwortet – inklusive Hinweise auf Schlafrituale, Matrazenstärke und Schlafzimmertapeten.

Hannah Ahlheim hat viele verschiedene Quellen ausgewertet. Gute-Nacht-Lieder, Traumberichte, Tagebuchnotizen, Zeitungsartikel, Feldpostbriefe, Filme, Schlafratgeber und wissenschaftliche Schlafstudien. Ende des 19. Jahrhunderts glaubt man noch, der Schlaf beschere uns Menschen eine absolute innere Ruhe, die eine ungestörte Regeneration ermögliche. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es neue Erkenntnisse: Der Elektroenzephalograph zeichnet nächtliche Hirnaktivität auf, die Psychoanalyse entdeckt das Spielfeld der Träume. Der Stress durch eine immer schneller getaktete Arbeit steigt im 20. Jahrhundert an. Mit ihm kommt erstmals das Massenphänomen der Schlaflosigkeit auf und die Diskussion darüber, ob beziehungsweise wie man gleichzeitig effizient und gesund schlafen kann. Heute ist längst bekannt, dass sich im Schlaf die Belastungen des Lebens widerspiegeln – private Sorgen wie Stress im Beruf.

Der Schlaf und der Krieg

Welche strategische Bedeutung dem Schlaf im Krieg zugemessen wurde, ist ein zentrales Thema in Ahlheims Werk. Im Ersten Weltkrieg waren es vor allem die in den vordersten Linien kämpfenden Soldaten, die zu wenig Schlaf fanden. Im Zweiten Weltkrieg litt dann nicht nur die Truppe an der Front an akutem Schlafmangel, sondern auch die Zivilbevölkerung, die auf Grund der Bombardierung der Städte häufig aus dem Schlaf gerissen wurde.

Der Schlaf hatte im Krieg eine strategische Bedeutung.
Der Schlaf hatte im Krieg eine strategische Bedeutung.

Im Zweiten Weltkrieg proklamierten deutsche Schlafforscher, dass „harte Krieger“ auch „hart schlafen“ könnten. Damit gemeint war so wenig Schlaf wie möglich und zur Not stehend. Berührend sind die Feldpostbriefe, die Hannah Ahlheim auswertet: „Im Traum vom Schlaf, den viele Soldaten an den Fronten des Zweiten Weltkriegs teilten, steckte die Sehnsucht nach Überleben, nach Ruhe, Sicherheit und Erholung. Vor allem die Briefe aus den letzten Monaten des Krieges lassen kaum Zweifel daran, dass ein an der Front schnell lebensbedrohlicher Schlafmangel eine der prägenden Kriegserfahrungen war. Der Schlaf bot eine Möglichkeit, für einige Stunden aus dem von der Wehrmacht geführten Vernichtungskrieg und dem Grauen der Front zu entfliehen.”

In der Nachkriegszeit verlangten Politik und Wirtschaft in Deutschland, die Arbeitszeit zu verdichten. Nacht- und Schichtarbeit wurde mit Blick auf die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt ausgebaut. Parallel dazu beklagten Patientinnen und Patienten die Unruhe und Rastlosigkeit des modernen Lebens, in dem Schlaflosigkeit zum Massenphänomen wird.

Fortschritte in der Schlafforschung versprachen schließlich, die Spannung zwischen individueller Leistungsfähigkeit und Überforderung aufzulösen. Es entstand die Chronobiologie, die untersuchte, welchem inneren Rhythmus jedes Lebewesen folgt, wenn es ums Wachen und Schlafen geht. Beim Menschen lautete die Erkenntnis: Der Rhythmus ist individuell. Der eine braucht mehr, der andere weniger Schlaf. Manche sind eher morgens, andere eher abends fit. Alte Dogmen wurden damit hinfällig. Der Acht-Stundenschlaf tauchte zwar als Durchschnittswert ab und zu noch auf, doch immer mit der Ergänzung, dass eine allgemeingültige Aussage über die richtige Länge des Schlafs kaum möglich sei. Jede einzelne Schläferin, jeder Schläfer kann den individuellen Schlafrhythmus finden.

Für seinen Schlaf ist heute jeder selbst verantwortlich

Ahlheims Fazit: Einerseits passt das Konzept eines individuellen und flexiblen Schlafes zur postmodernen und pluralen Gesellschaft, in der das autonome Individuum gefeiert wird. Und natürlich ist es positiv, wenn Schlafgewohnheiten heute differenziert betrachtet und Arbeitsschichten besser auf individuelle Schlafbedürfnisse ausgerichtet werden. Andererseits hält die Autorin fest, setzten ökonomische Zwänge dem auch weiterhin Grenzen und der Einzelne sei nun für seinen Schlaf eben letztendlich selbst verantwortlich.

Wer heute noch schlecht schlafe, sei selbst schuld und werde mit massenhaften Angeboten überschüttet: mit Schlafpillen, Schlafgetränken, Gesundheitsbetten, Matratzen, Schlafbrillen, Ratgebern und Schlafkursen. Der gesunde Schlaf, bilanziert Ahlheim, würde zunehmend zur Ware und zu einer individuellen Pflicht.

 

Ahlheim, Hannah: „Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierungsphantasien und Widerständigkeit.“
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 695 Seiten, 39,00 Euro

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